GÄRTNER-DYNASTIE VON FREUNDLICH UND IHRE ROSEN



Text: Juta Arbatska


      Zum ersten Mal wurde Karl Freundlich im Jahre 1852 erwähnt. Gerade in dem Jahr am 30. September, kam zur Welt das erste Kind in seinem Haus, im Dorf Araktschejewka am Rande des Zarendorfes. Es war ein Mädchen, welches von seinen Eltern den Namen Sofia bekommen hat [1]. Im Geburtsregister steht geschrieben, dass die Eltern vom Mädchen Karl August Freundlich, der Hofgärtner, und Augusta Luise Lange sind.
      K.A. Freundlich war ein begabter Gärtner, der sich vorwiegend auf der Rosenzucht spezialisierte. Als er im Zarendorf im kaiserlichen Gewächshaus als Hofmann, und danach als Haupthofgärtner arbeitete, züchtete er eine Serie von Rosen eigener Selektion. Nach dem Tod des ersten russischen Rosenzüchters und des zweiten Direktors des Kaiserlichen Nikitskij Botanischen Gartens - Nikolaj Andrejewitsch Hartwiss (1793-1860) – wurde Freundlich faktisch zum führenden Fachmann auf dem Gebiet der Rosenzucht im Russischen Imperium. Trotz der schwierigen Klimabedingungen von Sankt Petersburg und trotz des Fehlens jeglicher Selektionsbasis, hat er viele neue Sorten von der „Blumenzarin“ gezüchtet und zum Hof geliefert. Er war außerdem in Rosenzucht unter Nordbedingungen sehr erfahren.

      Die Zeitschrift „Informationsblatt der Russischen Gärtnereigesellschaft“ bezeichnete das Kaiserliche Gewächshaus im Zarendorf unter der Leitung vom Hofgärtner Karl Freundlich als eine Anstalt, welche „sehr rationell gehalten wird“, wo „schon viele nützliche Versuche mit Holzpflanzen und Gebüschgattungen, welche erfolgreich das Klima von Petersburg vertragen, durchgeführt wurden;…und, obwohl die Anzuchtstätte im Zarendorf etwa 10 Jahre lang existiert, gibt es dort schon über 200 000 zum Einpflanzen geeigneten Pflanzen“. [2].

      Zuerst beschäftigte sich Freundlich nur mit der Selektion von Holzpflanzen und Gebüschgattungen durch Stecklinge für das Einpflanzen in den kaiserlichen Parken im Zarendorf, in Gatschina und in Petersburg. Im Gewächshaus wurde auch die Introduktion der Pflanzen von Nord Amerika, von Sibirien und vom Fernen Osten durchgeführt. Es betraf insbesondere solche Taxone, wie Aristolochia Sipho L., Acer Negundo L., Spiraea Douglasii и tomentosa, Potentilla glabra Lodd., Cornus alba L. fol. variegatis, Salix purpurea L., Crataegus sanguinea Pall. и Sambucus racemosa L.

      Mit der Zeit begann er die Versuche auf dem Gebiet der Hybridisation durchzuführen. Während die anderen Gärtner erfolglos versuchten, die Kopulationen unter dem freien Himmel zu machen, schlug Karl Fedorowitsch (so wurde er von seinen Kollegen auf dem Russischen genannt) vor, die Wildlingen zuerst in Töpfen im Gewächshaus aufzuziehen, und danach an diese die Kulturpflanzen anzupfropfen. Den ersten Erfolg hatte er mit der Aufzucht von einer neuen Hagedornsorte Crataegus sanguinea Pall. fol. Variegatis, welche auf den Blättern helle Streifen hatte, und deswegen als „gestreift“ bezeichnet wurde. Zur größten Errungenschaft von Karl Freundlich wurden jedoch die Stammrosenzuchtversuche mittels des Pfropfens an wilde Sorten - R. canina und R. Manetti. Da Freundlich die zweite Unterlage anwendete, wurde er zum Pionier der vaterländischen Botanik. Als Unterlage verwendete er meistens die französischen Rosensorten, wie: Remontant - ‘La Reine’ (HP, Laffay, 1842), ‘Prince Léon Kotschoubey’ (HP, Marest, 1852), ‘Géant des Batailles’ (HP, Nérard, 1845), ‘Panachée d’Orléans’ (HP, D.Dauvesse, 1854); Bourbon - ‘Princess Adelaide’ (B, Laffay, 1845), ‘Souvenir de la Malmaison’ (B, Béluze, 1843), ‘Sidonie’ (B, Dorisy, 1846) und Tee -‘Adam’ (T, Adam, 1838), ‘Elise Sauvage’ (T, Miellez, 1838).

      Gleichzeitig mit dem Pfropfen beschäftigte sich Karl Fedorowitsch mit der Sortenprüfung und mit der Selektion. 1861 hatte Freundlich rasenden Erfolg in der Selektion: binnen einem Jahr wurden von ihm 8 neue Rosensorten aus der Gruppe Pimpinellifolia gezüchtet. Die Rosen wurden aus Samen angezüchtet, welche durch das Kreuzbestäubungsverfahren erhalten wurden. Es sei zu vermuten, dass die Saat schon vor einigen Jahren gemacht wurde. Zu diesen Sorten gehörten: ‘Rosea grandiflora’ (ist nicht erhalten geblieben), ‘Rosea pulchella’ (ist unter der Bezeichnung ‘Pulchella’ erhalten geblieben), ‘Alba plena’(ist nicht erhalten geblieben), ‘Carnea hispida’ (ist unter der Bezeichnung ‘Hispida’ erhalten geblieben), ‘Carnea Maxima’ (ist nicht erhalten geblieben) , ‘Carnea multiflora’ (ist nicht erhalten geblieben), ‘Kermesina’ (ist nicht erhalten geblieben), ‘Belle de Tsarskoe’ (ist nicht erhalten geblieben) [3]. Also, bis heute sind nur zwei Sorten erhalten geblieben, welche von Karl Freundlich angezüchtet wurden.

      Der Erfolg vom Hofgärtner wurde sehr heftig in den Sitzungen der Russischen Gärtnereigesellschaft besprochen. Der Vizepräsident der Gesellschaft – Eduard Regel – betonte häufig die von Freundlich durchgeführten Experimente mit verschiedenen Rosenarten und Rosensorten, und stellte ihn anderen Gärtnern als Vorbild hin. Außer den oben erwähnten R. canina und R. Manetti praktizierte Freundlich die Vermehrung und das Pfropfen auch mit anderen Rosensorten - R. Boursaultii und R. rubiginosa. In 70-er Jahren des 19. Jahrhunderts, als Rosen zu beliebtesten Pflanzen in adeligen Gärten von Petersburg geworden sind, veröffentlichte der erste Pflanzenzüchter von Petersburg eine Reihe von Publikationen über Rosen im Ausland, über die Geschichte der Rose, über neue Sorten etc. Fernerhin, als die Nachfrage nach Rosen unheimlich groß geworden war, verließ Freundlich die mühevolle Selektionsarbeit, und beschäftigte sich ausschließlich mit der Introduktion der französischen Sorten.

      Mitte 1880 wurde Karl Freundlich zum anerkannten Leader in der russischen Rosenzuchtkultur. Hier ist ein Zitat aus dem Bericht über die Internationale Gärtnereiausstellung, die im Mai 1884 in Petersburg veranstaltet wurde: „Alle Rosenzüchter versuchen von Freundlich seine Rosenzuchtkunst zu übernehmen. Jedoch niemand hat ihn beim Kultivieren von solchen wunderschönen Rosen übertroffen. Die Ausländer waren über den Erfolg von Freundlich in der Rosenzucht in Sankt - Petersburg erstaunt. Für seine Rosen wurde Herrn Freundlich, als dem vaterländischen Exponenten, der zur Ausstellungsverschönerung am meisten beitrug, die höchste Prämie verliehen – die Prämie Ihrer Majestät,- ein Paar von Porzellanvasen“ [4]. Übrigens, für seine ständige Teilnahme an verschiedenen Gärtnereiausstellungen, wo die Rosen von Freundlich immer die besten waren, wurde Karl Fedorowitsch mit Goldener Medaille auf dem Wladimir-Band (1874) ausgezeichnet, und für den Plan des künftigen Alexanderpark (der Admiralität gegenüber) bekam er die Kleine Silberne Medaille.

      Karl Fedorowitsch hatte vier Kinder: Sofia (1852), Amalia (1853), Wilhelm (1855)und Katharina (1857). Die letzte Tochter wurde nach dem Studium in Derpt (1871-1874) zur Provisorin der Apotheke beim kaiserlichen Hof, und im Dezember 1880 heiratete sie Leonhard Gerchen. Der berühmte Luxemburger Rosenzüchter Jean Ketten benannte seine neue Teerose zu Ehren von Katharina Freundlich als ‘Catherine Gerchen-Freundlich’ (T, Ketten, 1896).

      Natürlich hat Karl Fedorowitsch gehofft, dass sein Sohn – Wilhelm – zum Nachfolger in seiner Arbeit wurde. Besonders akut war die Frage über die Erbfolge nach dem Tod des jüngeren Bruders von Karl – Luis Julius (1867), der als Hauptgärtner beim Staatsrat Wassilij Fedulowitsch Gromow (in der Straßen Maneshnaja und Podgornaja) berufstätig war.

      Es muss zugegeben werden, dass der Sohn Wilhelm (wurde unter seinen russischen Kollegen als Wassilij Karlowitsch genannt), nicht nur sich glänzend bewährte, sondern auch das Geschäft seines Vaters bis zum unerhörten Maßstab erweiterte. Als ein richtiger Geschäftsmann übernahm er die Leitung vom Familienbetrieb schon im Jahre 1881, und baute die riesigen Orangerien in der Nähe vom Bahnhof im Zarendorf. Von nun an war das Geschäft von Freundlichs von kaiserlichen Gewächshäusern unabhängig. Die Familie konnte sich mit der Introduktion und mit dem Rosenabsatz im ganzen Russland beschäftigen. W.K. Freundlich veröffentlichte einen Katalog nach dem anderem, wo praktisch sämtliche Neuigkeiten der europäischen Selektion dargestellt wurden. Gleichzeitig eröffnete Wilhelm die eigenen Rosengeschäfte in Petersburg (Newskij, 34; Litejny, 53; Ofizerskaja, 3). Er kaufte das Landgut in Wolyn (unweit vom Dorf Nowostawzy), wo von ihm einen einträglichen Obstgarten angelegt wurde. Nach der Heirat mit Alwina -Tochter eines Fabrikanten, Kaufmannes der 1. Gilde Konrad Nebe,- wurde er zum Inhaber der Papierfabrik. Bald kamen zur Welt ihre Söhne: Konrad (1882) und Bruno (1884).

      Der Hauptkunde von Freundlich was das berühmte Unternehmen von Eilers. 1883 beschrieb ein Berichterstatter der Zeitschrift „Gärtnereiblatt“ die Situation auf dem Rosenmarkt: „Wenn vor 10-12 Jahren das Unternehmen ca. 1000 Rubel pro Jahr für Rosen ausgab, so übertreffen heute die Ausgaben für Rosen den Betrag von 30 000 Rubel. Die oben erwähnten Herrn Freundlichs (Vater und Sohn – J.A.) wurden zu den Monopollieferanten auf diesem Gebiet, und erreichten, ohne Zweifel, große Leistungen in der Zucht von früher gepflanzten Rosen“[5].

      Wilhelm Karlowitsch Freundlich war ständiges Mitglied der Verwaltung der Russischen Gärtnereigesellschaft, Mitglied des Kuratoriums der Zarenslawischen Schule für Gärtnerei und Gemüsebau, Vizevorsitzender der Veranstaltungskommission der Gärtnereiberufsschule, einer der reichsten Menschen in Petersburg. Von nun an stellte er selber die eigenen Prämien den jungen Wettbewerbern in den Gärtnereiausstellungen zur Verfügung, und gehörte zu den Wohltätern in den „Baumpflanzungsfesten“, die in Petersburg im Frühjahr veranstaltet wurden.

      In der Ausstellung 1899 stellte Wilhelm seine neue Rose eigener Selektion aus, welche von der Jury unbeachtet blieb. 1893 erschien die Rosensorte ‘Mistress Bosanquet blanche’ in europäischen Rosenkatalogen. Freundlich wurde als der Autor von dieser Sorte eingetragen. Jedoch war hier ein Fehler: diese Rosensorte wurde schon im Jahre 1832 vom Franzosen Laffay angezüchtet. Kann sein, dass bis zum Jahr 1893 diese Sorte in Europa verloren wurde. Da diese Sorte in Petersburg noch erhalten geblieben war, hat vielleicht jemand diese Sorte wieder in den Rosenkatalog eingetragen, und den falschen Autor angegeben. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass W. Freundlich eine Art von der Laffay -Sorte angezüchtet hat.

       Als der Erste Weltkrieg angefangen hat, verschwand der Name von Freundlich aus der Periodika: durch die spezielle Verordnung der außerordentlichen Versammlung der Gärtnereigesellschaft wurden am 28. August 1914 sämtliche ordentliche und Ehrenmitglieder, die deutsche oder österreichische Staatsangehörigen waren, aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Freundlich war Deutsche, Lutheraner.

       Der Vater, Karl Fedorowitsch, ist 1898 gestorben, seine Frau – 1903. Über seinen Sohn gibt es keine Informationen. Ich konnte nur folgende Daten über den Sohn von Wilhelm -Konrad – finden: Freundlich, Konrad Wilhelm, geboren 1882 im Dorf Puschkino, Deutscher, parteilos, Gärtner des Eisenbahnerkurortes, wohnhaft in Solzy. Am 13. Januar 1938 wurde verhaftet. Durch die sondere Dreiergruppe von UNKWD LO wurde am 21. Februar 1938 gemäß dem Artikel 58-10 des Strafgesetzbuches der RSFSR zur Höchststrafe verurteilt und am 1. März 1938 in Leningrad erschossen.[6].

       Aus der Mitteilung sieht man, dass die Enkel von Karl Fedorowitsch auch Gärtner waren. Leider, wurde ihre Tätigkeit aus dem Nachkommensgedächtnis ausgelöscht, wie auch fast alle Rosen von Karl Freundlich. Wir glauben, es sei die Ehrensache für Botaniker und Historiker von Sankt – Petersburg, die Rosen der Dynastie von Freundlich und ihren guten Ruf wiederherzustellen.

Literaturverzeichnis

1. RGIA. F.828, Op.14, d.72, l.3.
2. Regel E. Gartenanstalten von Petersburg. // Informationsblatt der Russischen Gärtnereigesellschaft in St.-Petersburg. - 1861. – Nr. 6. – S. 317-333.
3. Léon Simon, Pierre Cochet. Nomenclature de tous les noms de roses. 2-e édition. - Librairie Horticole. – Paris, 1906. – 475 p.
4. Uspenskij P.P. Internationale Gärtnereiausstellung in St.Petersburg vom 5. bis 20. Mai 1884 // Informationsblatt für Garten-, Obst- und Gemüsebau. - 1884. – Nr. 6. - S. 239-281.
5. Dör V.K. Handelsgarteneinrichtung von G.F. Eilers in St.-Petersburg. // Informationsblatt für Garten-, Obst- und Gemüsebau. - 1883. – Nr. 10. - S. 439-444.
6. Leningrader Martyrologium, 1937-1938: Gedächtnisbuch von Opfern der politischen Repressalien. T. 9.: März – April 1938// Antw. Red. A.J. Rasumow. SPb: Russischen Nationale Bibliothek. – 2008. – 733 S.