Rosen von Kostezkij (Roses by Kosteckij)



Text: Juta Arbatska


       Juta Arbatska wohnt in Jalta (die Halbinsel Krim, die Ukraine). Sie arbeitet als Hauptlandschaftsarchitektin im Alupkaer Schloss– Park -Museum. Sie schreibt die wissenschaftliche Dissertation zum Thema – „Kletterrosen auf der Krim“. Sie ist Verfasserin von Büchern über Rosen im Garten von A.P. Tschechow in Jalta, über den ersten Rosenzüchter Nikolai Anhorn von Hartwiss, sowie von vielen Artikeln über uralte Rosen in Russland. Hier werden die Ausschnitte aus ihrem neuen Buch „Rosen von Nikolaj Danilowitsch Kostezkij auf der Krim“ angeboten.
      Im Garten „Europa - Rosarium“ in Sangerhausen wachsen 10 Rosen-Varietäten, welche die Auslesen von Nikolaj Kostezkij sind. Was für ein Mensch er war, weißt niemand weder in Deutschland, noch in Russland bzw. in der Ukraine. Ich glaube, es sei gespannt für deutsche Leser mehr über ihn zu erfahren. Nikolaj Danilowitsch Kostezkij war ein begabter Gärtner, Agrarwissenschaftler, Lehrer und Agrartheoretiker. Sein Lebenslauf ist an viele phantastische Ereignisse reich. Man braucht mehrere Jahre, um detailliert die Ereignissen seiner Arbeit zu studieren. Zehn letzte Jahre seines Lebens (1938-1948) arbeitete er im Nikitskij Botanischen Garten. In dieser Zeit konnte er die Arbeit der Kunstgärtnereiabteilung grundlegend reorganisieren. Die von Kostezkij geschaffenen Grundlagen der inländischen Rosenselektion wurden zum Sprungbrett für seine Nachfolger. Dies trug dazu bei, dass der Nikitskij Botanische Garten 1960-1980 zur Leader auf dem Gebiet der Rodologie in der UdSSR wurde.

      Nikolaj Danilowitsch Kostezkij wurde am 28. Dezember 1873 in einer bäuerlichen Familie in der Ortschaft Sbrish des Landkreises Kamenezk des Gouvernements Podolsk geboren (heute – das Gebiet Chmelnizk, die Ukraine). Nach dem Abschluss der 2-Klassen-Berufsschule in Kamenez – Podolskij wurde Nikolaj Kostezkij an der Berufsschule für Ackerbau und Gärtnerei Uman’ immatrikuliert. Nach sechs Jahren bekam er das Diplom „Wissenschaftlicher Agronom und Gärtner“. Im Jahre 1896 wurde Kostezkij an der Polytechnischen Hochschule Riga immatrikuliert. Jedoch nach anderthalb Jahren wurde er wegen der Teilnahme an revolutionären Zirkeln im vierten Semester exmatrikuliert.

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Nikolaj Danilowitsch Kostezkij, 1938



       Ab1898 arbeitete er als Gärtnereilehrer in der provinziellen Berufsschule in der Ukraine und ab 1902 war er als Inspektor in Garten- und Gemüsebau in der Stadt Charkow eingestellt. Zweimal wurde er für seine Revolutionstätigkeit verhaftet. Er verbrachte in verschiedenen Gefängnissen insgesamt 1,5 Jahre. 1908, seine Zuflucht zur Polizeiverfolgung nehmend, ist er in die Schweiz umgezogen, und danach nach Argentinien. Nikolaj Danilowitsch verbrachte in Argentinien fünf Jahre. Während dieser Zeit unterrichtete er landwirtschaftliche Arbeitsmethoden den russischen Kolonisten. Er wurde als Sekretär der Agrargenossenschaftskonföderation in Argentinien ausgewählt.

       1912 kam er nach der Einladung des Schuldirektors der Kommune „La Rûche“ („Der Bienenstock“) (gegründet von Sebastian For in der Ortschaft Rambouillet bei Paris) in Frankreich. In „Bienenstock“ unterrichtete er Gärtnerei nur drei Monate lang, danach wurde er in andere – russische - Schule versetzt. „Die neue russische Schule“ in der Ortschaft Fontenay-aux-Roses, wo die Kinder von russischen Emigranten lernten, suchte nach dem Gärtnereilehrer.

       Nachdem der erste Weltkrieg angefangen hatte, ist die Schule in die Schweiz gezogen. Nikolaj Kostezkij wurde in die Genossenschaft der Zivilerdarbeiter mobilisiert. Nach einem Jahr geriet er ins Landgut „Valrose“ in Nizza (Chateau Valrose, Nice), wo er achtzehn Monate als Hauptgärtner gedient hat.

       1917 kehrte Herr Kostezkij aus der Emigration. Er arbeitete in der Ukraine. 1923 lernte er in der Allrussischen Agrarausstellung in Moskau Nikolaj Wawilow, Direktor des Institutes für Pflanzenbau und Genetik, kennen. Seitdem arbeitete Kostezkij in verschiedenen Versuchstationen auf dem Gebiet des Pflanzenbaus, und zwar: als Leiter der subtropischen Versuchsstation bei Moskau, als Leiter von gleicher Station in Suchumi im Kaukasus. Im Jahre 1931 wurde Kostezkij nach der falschen Denunziation verhaftet, aber Wawilow hat ihn gerettet und ihm mit der Versetzung nach Tbilissi geholfen. Dort wurde Kostezkij wieder inhaftiert. Und diesmal konnte er bei der Wawilows Hilfe die Verbannung und Erschießung zu vermeiden. So geriet Kostezkij in Aserbaidschan und danach in Taschkent. Wawilow selbst konnte die Verhaftung 1940 nicht vermeiden und wurde im Keller des Saratow - Gefängnis verhungert.

      1937 wurde Nikolaj Kostezkij pensioniert und konnte selbst die Stadt für das „freie“ Leben auswählen. Er hat die Krim ausgewählt und wurde im Nikitskij Botanischen Garten als Leiter der Abteilung für Dendrologie und Gärtnerei eingestellt. Der Botanische Garten war an der Südküste der Krim, unweit von Jalta. Das Interesse von Kostezkij erweckten die Rosen.

      Kostezkij hat sich mit der Geschichte des Nikitskij Botanischen Gartens vertraut gemacht und folgende Konsequenzen gezogen: die Inventur der im Garten vorhandenen Rosen wurde seit 1912 nicht mehr durchgeführt, und die Rosensammlung hat seit 1913 keine neuen Rosenarten erhalten. Die Etiketten wurden vertauscht, es war unmöglich viele Rosensorten zu identifizieren. Die Mitarbeiter der Abteilung beherrschten keine Fremdsprachen, deswegen kannten sie die neuesten Technologien der Arbeit mit Rosen nicht, obwohl es in der Bibliothek ausländische Literatur gab. Die Berichte über das Rosensortiment waren nicht immer richtig und entsprachen der realen Situation nicht. Sogar die bekannten Sortenbenennungen wurden auf dem Grundstücksplan nicht markiert, deswegen musste man oft nach dieser oder jener Sorte lange suchen. Wegen des Wassermangels (und auf der Krim war dieses Problem immer aktuell) konnten viele Rosensorten nicht ihre Blüte erreichen und sich völlig entwickeln. Lange Zeit wurden wegen der ungenügenden Qualifikation der Mitarbeiter die Rosengruppen und –arten nicht analysiert, sowie keine phänologischen Beobachtungen durchgeführt. Kostezkij war sehr bekümmert über das Fehlen der Stelle eines Künstlers – Aquarellisten für das bunte Rosenzeichnen – es war doch damals keine farbige Photographie. Dabei bestand eine riesige Nachfrage nach den Rosen aus dem Nikitskij Garten. Fast jeden Tag kamen die Bestellungen, Schließlich hat die ganze Geschichte der Gärtnerei- und Parkanlagenentwicklung an der Südküste der Krim bewiesen, dass die Rosen unter dekorativen Gebüschen immer am meisten nachgefragt waren. Alle Gäste, die die Halbinsel Krim besuchen, assoziieren immer die Krim mit dem Reichtum der blühenden Rosen und Aromas.

      In den ersten Arbeitsmonaten veranstaltete Nikolaj Danilowitsch einige Seminare für die Mitarbeiter der Abteilung. Danach fangen alle an, zusammenzuarbeiten. Zuerst wurden die Inventur und die Registrierung der vorhandenen Rosensorten durchgeführt. Danach sollte die Rosensammlung neue Sorten erhalten. Dazu wurden die Briefe in verschiedene Anzuchtstätten und botanische Gärten mit der Bitte um den Sortenaustausch versandt. Im botanischen Garten wurde für die Rosen neue étiquetage durchgeführt (übrigens, solche Arbeit wurde für sämtliche Kulturen des Arboretums durchgeführt). Im Frühling 1838, als Kostezkij auf die Krim kam, zählte der Nikitskij Botanischer Garten etwa 610 Rosensorten auf. Ende 1939 waren im Garten 963 Rosenarten.

      Gleichzeitig wurden aus dem vorhandenen Rosensortiment die Steckreise für die Organisationen zwecks der Grünanpflanzung vorbereitet. So bekamen die Grünanpflanzungsorganisationen 1938-1939 etwa 4000 Rosensteckreise, und für die Anlage des neuen Rosengartens im Nikitskij Garten wurden 20 000 Steckreise vorbereitet (inkl. Unterlage). Es sei hier zu sagen, dass Ende 1937, laut dem Jahresplan vom Nikitskij Botanischen Garten, einen neuen Rosengarten angelegt werden sollte. Jedoch gab es damals im Botanischen Garten nicht genug Spezialisten in Rosenzucht, deswegen wurde diese Arbeit für unbestimmte Zeit verschoben. Von Kostezkij wurde einen solchen Rosengarten angelegt, aber er war vorwiegend Sammlungs- und Mutterzuchtgarten: 730 Rosensorten. Je zwei Büsche von jeder Sorte wurden auf der Unterlage von der Kasanlyk - Rose wieder angepfropft und auf dem neuen Grundstück ausgepflanzt.

      In demselben Jahr überlegte Kostezkij über die Aufsichten auf die Rosenkreuzung. Er studierte die vaterländische Selektion in anderen botanischen Gärten der UdSSR, sowie das Archiv des Nikitskij Gartens; recherchierte nach den Informationen über die Rosenzucht in der Zeit, als Nikolai Anhorn Hartwiss (1824-1860) den botanischen Garten leitete. Kostezkij lenkte seiner Aufmerksamkeit darauf, dass trotz einer Menge der von Hartwiss gezüchteten Rosen (über 100 Bezeichnungen) war ihr wesentlicher Teil sofort nach seinem Tod spurlos verschwunden. Das gleiche Schicksal traf viele Rosensorten, welche aus europäischen Anzuchtstätten angekommen sind. Der Grund bestand daran, so meinte Kostezkij, dass die Rosen von Frankreich, England und Deutschland auf dem sauren Boden gezüchtet wurden. Außerdem gab es sogar im Südfrankreich keine Probleme mit dem Begießen, und die Rosen erlitten dort keinen Feutigkeitsmangel. Im Gegenteil sind Böden und Wasser auf der Krim alkalisch. Auf der Krim gab es immer Wassermangel, und in niederschlagsarmen Jahren war die Pflanzenwelt einfach vom Mangel der Feutigkeit verbrannt. Sehr oft wurden die Rosen im Nikitskij Garten nur einmal im Frühling begossen. Schließlich, starben die ausländischen Sorten wegen der Krankheiten, welche in Europa nicht verbreitet waren.

       Kostezkij hat die Situation analysiert und kam zum Schluss, dass die Selektion den Krimbedingungen entsprechen soll. Die neuen Rosen sollen zur Dürre und zu den alkalischen Böden widerstandsfähig sein. Sie sollen gegen verschiedene Krankheiten unempfänglich, sowie remontant sein, und lange in Blühte stehen. Um solche Eigenschaften zu bekommen, musste man nach der Meinung des Wissenschaftlers, bei der Auswahl des Elternpaares die meist entfernten stammverwandten Sorten wählen, zum Beispiel die Sorten aus verschiedenen Gruppen oder von verschiedenen Arten. Dabei sollten die Herkunftsausbreitungen auch von einander entfernt sein. Natürlich sollten bei dieser Auswahl auch dekorative Roseneigenschaften berücksichtigt werden.

       Im Herbst 1938 hat Nikolaj Danilowitsch die erste Sortenauswahl durchgeführt, und aus 8 Kreuzungskombinationen 3 erfolgreiche bekommen. Die Hauptarbeiten in Kreuzungen führte er 1939-1941 durch. Die von Kostezkij angefangene Arbeit kam in Schwung. Zum Beispiel, nur im Jahre 1939 waren 164 Sorten für die Kreuzung ausgewählt und 278 sowohl Zwischensorten- als auch Zwischenartenkreuzungskombinationen durchgeführt. Im ersten Fall waren 21 Kombinationen erfolgreich, im zweiten – 55. An den Experimenten waren praktisch alle Rosengruppen und Rosenarten beteiligt: Teehybride, Pernettiana, Remontant, Polyantha, Tee, Bourbon, Benghales. Insgesamt wurden in den Jahren 1939-1941 ca. 1195 Kreuzungskombinationen durchgeführt; dabei wurden 710 Hybridsämlinge erhalten und ausgepflanzt. Die wichtigste Errungenschaft von Kostezkij war damals die Herausgabe vom Buch „Rosenkatalog und Rosenanpflanzungs- und Rosenpflegeregeln“, veröffentlicht 1941, zwei Monate vor dem Krieg.

      Wenn man diesen Katalog studiert, versteht man welche riesige Arbeit von Nikolaj Danilowitsch binnen zwei Jahren durchgeführt wurde. Im Buch wurden nicht nur die sämtlichen verkarteten Rosenarten des Nikitskij Gartens dargestellt (Stand Juni 1940), sondern auch die ausführlichen Charakteristika jeder Rosensorte erläutert: welche Sorten sind Krankheits- und Dürrenbeständig und passen am besten den Krimbedingungen.

       Nach langer Suche (viele Unterlagen wurden vernichtet) wurde festgestellt, dass Kostezkij insgesamt über 30 Rosensorten gezüchtet hat. Darunter solche Sorten, wie: ‘Artek’, ‘Uchan-Su’, ‘Magnolia’, ‘Nasha Pobeda’, ‘Radost’, ‘Moldavia’, ‘Jubilejnaja’, ‘Fantasia’, ‘Komsomolka’, ‘Marinka Richter’, ‘Zoya Kosmodemianskaja’, ‘Ukrainka’, ‘Galina Ulanova’, ‘Akademik P. M. Zukovskij’, ‘Nikitskaja Rosowaja’, ‘Moja Metchta’ und andere. Sehr interessant ist, dass 10 von gezüchteten Sorten im Garten „Europa-Rosarium“ (Sangerhausen) erhalten geblieben sind, und im Nikitskij Botanischen Garten nur eine Sorte - ‘Uchan-Su’.

       Am 22. Juni 1941 hat der Krieg angefangen, und die Administration des Nikitskij Garten wurde mit allen Dokumentationen nach Kaukasus evakuiert. Kostezkij und alle seine Mitarbeiter sind auf der Krim geblieben und versuchten die Rosen zu bewahren. Die ganze Südküste der Krim war besetzt, und in den meisten Sanatorien wurden die deutschen verwundeten Soldaten und Offiziere behandelt. Der deutsche Botaniker G.Walter leitete damals den Nikitskij Botanischen Garten.

       Drei Kriegsjahre sind nicht umsonst vergangen (die Krim wurde am 16. April 1944 befreit). Aus der Vorkriegssammlung (963 Rosensorten) sind 33,4% - 322 Sorten erhalten geblieben. Sofort nach dem Krieg wurde die Zuchtarbeit fortgesetzt. Schon 1945 wurden aus 215 Hybriden 22 Perspektivformen ausgewählt. 1946 wurden 50 erfolgreiche Kombinationen erhalten. Für die Vermehrung der gepfropften Rosen brauchte man neue Anzuchtstätten, und im Jahre 1946 wurde solche Anzuchtstätte aus 5000 Wildlingen angelegt. Im Frühjahr wurden neben dieser Anzuchtstätte 24 000 Heckenrosenunterlagen ausgepflanzt.

      Kostezkij ist im Oktober 1948 in seinem uneingerichteten Häuschen auf dem Territorium des Nikitskij Gartens im Alter von 75 Jahren gestorben. Dieses Häuschen steht auch heute neben dem Rosarium. 1951 wurde das Buch von Kostezkij „Rosenzucht im Süden der UdSSR“ veröffentlicht, welche von ihm 1947 geschrieben war. Ab 1956 setzte die Rosenselektion auf der Krim die Frau Vera Nikolajewna Klimenko fort. Jetzt beschäftigt sich ihre Tochter – Sinaida Klimenko – mit der Selektion im Nikitskij Botanischen Garten.